Eine Reise zu den Anfängen: Der „Steinway No. 1“ – neu interpretiert von Chris Maene

Manchmal reicht ein einziges Instrument aus, um Musikgeschichte zu schreiben. Im Jahr 1836 fertigte Heinrich Engelhard Steinweg in seiner Küche in Seesen am Harz seinen ersten Konzertflügel – ein Instrument, das den Grundstein für eine Erfolgsgeschichte legen sollte, die bis heute Maßstäbe im Klavierbau setzt. Als Steinweg 1850 in die USA auswanderte und dort seinen Namen zu Henry E. Steinway änderte, gründete er 1853 in New York die Firma Steinway & Sons.
170 Jahre später kehrt dieser Ursprung der Steinway-Tradition zurück – in Form einer meisterhaften Rekonstruktion durch den belgischen Klavierbauer Chris Maene. Mit höchster handwerklicher Präzision, historischer Forschung und einem tiefen Verständnis für Klangästhetik hat Maene ein Instrument geschaffen, das Vergangenheit und Gegenwart auf einzigartige Weise miteinander verbindet.
Die Wiedergeburt eines Originals
Der originale „Steinway No. 1“, auch bekannt als „Kitchen Piano“, wurde 1836 von Heinrich Engelhard Steinweg (dem späteren Henry E. Steinway) in der Küche seines Hauses in Seesen am Harz gebaut.
Dieses Instrument gilt als der Ursprung der Steinway-Tradition und markiert den Beginn einer neuen Ära im Klavierbau. Heute befindet sich das Original im Besitz von Steinway & Sons und wird in der Steinway-Fabrik in Queens, New York, aufbewahrt.
Das Instrument war im Vergleich zu heutigen Konzertflügeln kleiner und kompakter, mit einer charakteristischen Bauweise, die sich deutlich von modernen Designs unterschied. Es hatte unter anderem eine einteilige Stegkonstruktion, längere Tasten und leichtere Lederhämmer, was zu einer feinen Ansprache und einem transparenten Klang beitrug.
Chris Maene, bekannt für seine außergewöhnlichen historischen Nachbauten und innovativen Neuentwicklungen, hat sich der Aufgabe verschrieben, diesen ersten Steinway detailgetreu wieder zum Leben zu erwecken. Im Jahr 2006, rund 170 Jahre nach dem Bau des Originals, erhielt er von Steinway & Sons die Genehmigung, das historische Instrument genau zu vermessen und zu analysieren. Ziel war es nicht nur, eine äußerlich identische Kopie zu schaffen, sondern auch den authentischen Klangcharakter und das Spielgefühl des frühen 19. Jahrhunderts wiedererstehen zu lassen.
Die resultierende Replik folgt in allen wesentlichen Aspekten dem Original: von der Resonanzbodenkonstruktion über die historischen Materialien bis hin zur Formgebung. Gleichzeitig nutzt Maene modernste Handwerkskunst, um die Zuverlässigkeit und Langlebigkeit des Instruments zu gewährleisten. Das Ergebnis ist ein Flügel, der aussieht, klingt und sich anfühlt wie das Instrument, mit dem alles begann.
Klang mit Geschichte – und Bedeutung für die Gegenwart
Wer den Steinway No. 1 spielt oder hört, erlebt eine Klangwelt, die bewusst anders ist als die heutige. Anstelle des kraftvollen, orchestralen Tons moderner Konzertflügel entfaltet sich ein klarer, feiner und intimer Klang, der die Klangideale der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts widerspiegelt. Kompositionen von Schubert, Chopin oder Liszt erhalten auf diesem Instrument eine neue, authentische Tiefe; Linien treten klarer hervor, Nuancen lassen sich feiner gestalten, und die Musik offenbart Facetten, die auf modernen Flügeln oft verborgen bleiben.
Diese besondere Klangästhetik ist nicht nur ein nostalgischer Rückblick, sondern auch eine Inspiration für Gegenwart und Zukunft. Der Nachbau des Steinway No. 1 zeigt, wie eng Klangtradition und Innovation miteinander verbunden sind. Er erinnert daran, dass Fortschritt im Klavierbau immer aus einer tiefen Kenntnis der Geschichte erwächst – und dass historische Instrumente auch heute wertvolle Impulse für Interpretation, Klangforschung und Instrumentenbau liefern können.
Für Steinway & Sons ist dieses Projekt deshalb weit mehr als ein Blick zurück. Es ist ein Bekenntnis zur eigenen Herkunft und zugleich eine Hommage an die Prinzipien, die die Marke seit 1853 prägen: handwerkliche Exzellenz, technische Innovation und das unermüdliche Streben nach dem perfekten Klang.
Vergangenheit neu erleben
Der „Steinway No. 1“ ist mehr als eine Replik – er ist eine Einladung, Musikgeschichte neu zu entdecken. Er lässt uns hören, wie Klaviermusik in der Mitte des 19. Jahrhunderts geklungen hat, wie sich Klangideale verändert haben und welche Konstanten die Faszination des Instruments bis heute ausmachen.
Für Pianisten bietet er eine seltene Gelegenheit, sich mit der historischen Klangsprache vertraut zu machen. Für Liebhaber des Klaviers ist er ein faszinierendes Zeugnis dafür, wie aus der Küche in Seesen eine Weltmarke wurde. Und für alle, die Musik lieben, ist er ein klingendes Symbol dafür, dass große Geschichten nie enden – sie beginnen immer wieder neu.
Exklusiv zu erleben bei Pianohaus Marcus Hübner
Wer den Steinway No. 1 selbst erleben möchte, hat dazu jetzt die seltene Gelegenheit: Bis Anfang November ist der außergewöhnliche Replikflügel im Pianohaus Marcus Hübner ausgestellt. Besucher können das Instrument aus nächster Nähe bespielen, betrachten, Details der Baukunst entdecken und sich von seiner besonderen Aura inspirieren lassen.
Ein Besuch lohnt sich nicht nur für Pianisten und Fachleute, sondern für alle, die sich für Musikgeschichte, Handwerkskunst und den unverwechselbaren Klang von Steinway begeistern.